4.4 Erste Fragen über das Sein

Bevor wir über den Menschen nachdenken, müssen wir über das Sein nachdenken. Was heißt es, dass etwas ist? Und was heißt es, dass etwas auf eine bestimmte Art und Weise ist?

Diese Fragen klingen sehr abstrakt. Aber sie sind es nur auf den ersten Blick. In Wahrheit sind sie das Nächstliegende, was es gibt. Denn alles, was wir wahrnehmen, erfahren und erkennen, ist. Und es ist auf eine bestimmte Weise. Ein Stein ist. Ein Baum ist. Ein Hund ist. Ein Mensch ist. Aber sie sind nicht auf dieselbe Weise.

4.4.1 Was ist ein „Seiendes“?

Alles, was ist — alles, was wirklich existiert oder in irgendeiner Form Bestand hat —, nennen wir ein Seiendes. Das ist der weiteste Begriff, den es gibt. Er umfasst alles: von einem Kieselstein am Strand bis zum Menschen, der ihn aufhebt. Von der Farbschattierung eines Sonnenuntergangs bis zu dem Naturgesetz, das den Sonnenuntergang hervorbringt. Von dem Stuhl, auf dem man sitzt, bis zu der Freude, die man empfindet.

Aber schon hier zeigt sich ein entscheidender Unterschied: Nicht alles, was ist, ist auf dieselbe Weise. Der Kieselstein ist einfach da. Er wächst nicht, er empfindet nicht, er denkt nicht. Die Pflanze neben ihm wächst, strebt dem Licht entgegen, reagiert auf ihre Umwelt — aber sie empfindet nichts. Der Hund, der am Strand entlangläuft, empfindet, sieht, hört, fühlt Schmerz und Freude. Und der Mensch? Er kann all das — und noch unendlich viel mehr. Er kann nachdenken, planen, zweifeln, verzeihen, lieben, nach dem Sinn des Lebens fragen.

Diese Unterschiede sind nicht bloß graduelle Unterschiede, so wie ein großer Stein sich von einem kleinen nur durch die Größe unterscheidet. Es sind Wesensunterschiede. Der Sprung vom Stein zur Pflanze, von der Pflanze zum Tier, vom Tier zum Menschen — das sind jeweils Sprünge in eine ganz andere Art des Seins.

4.4.2 Person als Grundgegebenheit

Es gibt in der Philosophie manche Begriffe, die sich nicht auf etwas Einfacheres zurückführen lassen. Sie sind so grundlegend, dass jeder Versuch, sie zu „erklären“, schon voraussetzt, was man erklären will. So verhält es sich mit dem Personsein.

Man kann die Person nicht erklären, indem man sie auf etwas Nicht-Personales zurückführt. Wer sagt: „Eine Person ist nichts anderes als ein komplexes Nervensystem“ oder „Eine Person ist nichts anderes als eine bestimmte Anordnung von Atomen“, der hat die Person nicht erklärt, sondern wegerklärt.

Das Personsein ist das, was die Philosophie ein Urphänomen nennt: eine nicht weiter ableitbare Grundgegebenheit, die man nur direkt erfassen kann. So wie man Farbe nicht jemandem erklären kann, der noch nie eine Farbe gesehen hat, so kann man Personsein nicht auf Unpersönliches zurückführen.

Das heißt nicht, dass man nichts über das Personsein sagen kann. Im Gegenteil: Man kann sehr viel und sehr Genaues sagen. Man kann seine Wesensmerkmale beschreiben, seine Dimensionen unterscheiden, seine Konsequenzen aufzeigen. Aber all das geschieht immer schon im Licht der Grundeinsicht: Da ist jemand, nicht bloß etwas.


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