2.6 Was „genaues Hinschauen“ bedeutet — drei Beispiele

Was das praktisch heißt, lässt sich an drei Beispielen zeigen.

2.6.1 Erstes Beispiel: Farben

Schauen Sie sich eine Orange an. Ihre Farbe liegt, was ihre Qualität betrifft, zwischen Rot und Gelb. Das ist kein Zufall. Es könnte nicht anders sein. Orange kann seiner Qualität nach nicht zwischen Blau und Grün liegen. Das liegt im Wesen der Farbe Orange. Wer diesen Sachverhalt einmal verstanden hat, weiß: Das ist notwendig so. Es gilt in jeder möglichen Welt, zu jeder Zeit, für jeden Erkennenden.

Beachten Sie: Sie haben dieses Wissen nicht durch ein Experiment gewonnen. Sie haben keine Laborversuche mit Farben durchgeführt. Sie haben einfach hingeschaut — mit dem Verstand — und etwas eingesehen, das notwendigerweise so ist. Sie haben einen notwendigen Sachverhalt erkannt: einen Sachverhalt, der in der Natur der Farben selbst gründet und der in jeder denkbaren Welt gilt.

2.6.2 Zweites Beispiel: Versprechen

Wenn jemand Ihnen etwas verspricht, dann entsteht dadurch eine Verpflichtung. Das ist kein gesellschaftlicher Brauch, der auch anders sein könnte. Es liegt im Wesen eines Versprechens, dass es verpflichtet. Ein Versprechen, das nicht verpflichtet, wäre kein Versprechen. Auch das können Sie einsehen, wenn Sie sich das Wesen eines Versprechens genau anschauen. Der Zusammenhang zwischen Versprechen und Verpflichtung ist kein Zufall und keine Konvention — er ist ein Wesensgesetz, das im Wesen des Versprechens selbst gründet.

Adolf Reinach (1883—1917), einer der bedeutendsten Vertreter dieser philosophischen Methode, hat solche Zusammenhänge erstmals systematisch untersucht. Er hat gezeigt: Es gibt notwendige Sachverhalte im Bereich des Rechts und der zwischenmenschlichen Beziehungen, die ebenso sicher erkannt werden können wie die Sachverhalte der Mathematik.Reinach, Sämtliche Werke (1989), S. 141 ff.

2.6.3 Drittes Beispiel: Verantwortung

Verantwortung setzt Freiheit voraus. Wer nicht frei ist, kann nicht verantwortlich sein. Auch das ist nicht eine Vereinbarung, die wir getroffen haben. Es liegt im Wesen der Verantwortung selbst, dass sie ein freies und vernünftiges Wesen voraussetzt. Diesen Sachverhalt kann man mit dem Verstand erfassen — er ist notwendig wahr und nicht bloß zufällig. Er gilt, gleichgültig ob ein bestimmter Mensch ihn anerkennt oder nicht.

In allen drei Fällen erkennen wir etwas, das nicht anders sein kann. Wir entdecken keine zufälligen Tatsachen, sondern notwendige Zusammenhänge. Genau das ist die Art von Erkenntnis, die für die Frage nach dem Wesen des Menschen entscheidend ist.


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