2.1 Keine Angst vor den großen Fragen

Nun gibt es Menschen, die sagen: Solche großen Fragen — „Was ist der Mensch?“, „Was ist Wahrheit?“, „Was ist das Gute?“ — seien überholt. Das Zeitalter der Metaphysik sei vorbei. Seit Kant wisse man, dass solche Fragen nicht beantwortbar seien.1

Dieser Einwand beruht auf einem Missverständnis. Der britische Philosoph Jonathan Lowe (1950—2014) hat es treffend formuliert:2 Wer behauptet, metaphysische Fragen seien unbeantwortbar, der macht bereits eine metaphysische Behauptung. Wer sagt, es gebe keine Wirklichkeit jenseits des naturwissenschaftlich Messbaren, der formuliert damit eine Aussage über die Wirklichkeit — und zwar eine, die nicht naturwissenschaftlich überprüfbar ist. Lowe schreibt: „Für jeden vernünftigen Denker ist Metaphysik unvermeidlich.”3

Die Flucht vor den großen Fragen ist also keine Lösung. Es gibt kein Denken, das nicht bereits bestimmte Annahmen über die Wirklichkeit voraussetzt. Die Frage ist nur, ob man sich dieser Annahmen bewusst ist — und ob man bereit ist, sie zu prüfen.

Auch der Einwand „nach Kant ist Metaphysik überwunden“ beruht auf einer Verwechslung. Was das sogenannte postmetaphysische Zeitalter betrifft, so ist dies, wie Robert Spaemann bemerkt, in der Regel ein Missverständnis: „Ein postmetaphysisches Zeitalter wäre eine Epoche, in der die Menschen über keine Worte mehr verfügen, um sich über Leben und über die Rolle und Reichweite naturwissenschaftlicher Theorien im Gesamtkontext des Lebens zu verständigen.”4

Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Die Menschen fragen weiter. Sie können gar nicht anders. Die Frage „Was ist der Mensch?“ verstummt nicht, nur weil manche Philosophen sie für unbeantwortbar erklären. Spaemann formuliert es scharf: „Skepsis ist je eine Weise, sich der Kontroverse zu entziehen durch Verzicht auf Wahrheit. Philosophie ist das Gegenteil dieser Resignation.”5


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Fußnoten

  1. Kant, Kritik der reinen Vernunft (1781), insbesondere die Transzendentale Dialektik.

  2. Lowe, The Four-Category Ontology (2006), Oxford: Clarendon Press, 2006.

  3. Lowe, The Possibility of Metaphysics (1998), Oxford: Clarendon Press, 1998, S. 4f.

  4. Spaemann, Philosophische Essays (2012), Stuttgart: Reclam, 2012, S. 279.

  5. Spaemann, Philosophische Essays (1994), Stuttgart: Reclam, 1994, S. 118.