1.2 Die Gefahr der Personvergessenheit

Wenn das stimmt — wenn jeder Mensch von Anfang an Person mit unverlierbarer Würde ist —, dann stellt sich eine drängende Frage: Warum wird das so oft vergessen? Warum gibt es Theorien, die dem Embryo das Personsein absprechen? Warum gibt es Denkrichtungen, die den Menschen auf seine Gehirnfunktionen reduzieren, als sei er nichts weiter als eine besonders komplexe Maschine? Warum gibt es gesellschaftliche Praktiken, die Menschen wie Sachen behandeln?

Für dieses Vergessen gibt es einen Begriff: Personvergessenheit. Dieser Ausdruck, der auf Robert Spaemann zurückgeht,1 beschreibt ein Phänomen, bei dem die Wirklichkeit der menschlichen Person ganz oder teilweise aus dem Blick gerät. Man könnte auch sagen: Es ist ein Nicht-wahrhaben-Wollen oder ein Nicht-mehr-Sehen dessen, was der Mensch in Wahrheit ist.

Personvergessenheit kann auf zwei Weisen auftreten.

Erstens als theoretische Personvergessenheit. Gemeint ist: Eine philosophische oder wissenschaftliche Theorie beschreibt den Menschen so, dass sein eigentliches Wesen verkürzt, umgedeutet oder ganz wegerklärt wird. Das geschieht zum Beispiel, wenn jemand behauptet, der Mensch sei nichts anderes als ein komplexer biologischer Mechanismus, ein Zusammenspiel chemischer Reaktionen, ein Überlebensvehikel für seine Gene. Oder wenn jemand Personsein an das Vorhandensein bestimmter Gehirnfunktionen knüpft und daraus folgert, dass Embryonen, Säuglinge oder schwer hirngeschädigte Menschen keine Personen seien. Solche Theorien vergessen nicht den Menschen als biologisches Wesen — aber sie vergessen ihn als Person. Sie sehen den Körper, aber nicht den Jemand, der dieser Körper ist.

Zweitens als praktische Personvergessenheit. Gemeint ist: Im konkreten Umgang mit Menschen wird deren Personsein missachtet. Das geschieht überall dort, wo Menschen wie Sachen behandelt werden — wo ihre Würde mit Füßen getreten wird, wo sie benutzt, ausgebeutet, instrumentalisiert oder weggeworfen werden. Praktische Personvergessenheit zeigt sich im Großen: in unmenschlichen Systemen, Ideologien und politischen Ordnungen, die den Einzelnen zum bloßen Mittel machen. Und sie zeigt sich im Kleinen: im Alltag zwischen einzelnen Menschen, in der Gleichgültigkeit gegenüber dem Nächsten, in der Bereitschaft, andere für die eigenen Zwecke zu benutzen.

Beide Formen der Personvergessenheit hängen zusammen. Wer falsch über den Menschen denkt, wird ihn leichter falsch behandeln. Und wer Menschen schlecht behandelt, wird sich oft eine Theorie zurechtlegen, die das rechtfertigt. Theorie und Praxis der Personvergessenheit verstärken einander.

Das Besondere an der Personvergessenheit ist, dass sie oft verborgen wirkt. Sie ist ein latentes Mangelphänomen — sie kann schleichend eintreten, ohne dass man es sofort bemerkt. Eine Gesellschaft kann Schritt für Schritt vergessen, was eine Person ist, ohne dass jemand laut „Halt!“ ruft. Man muss nicht laut und aggressiv den Wert des Menschen leugnen, um personvergessen zu sein. Es genügt, das Thema stillschweigend zu übergehen, die Frage nach dem Wesen des Menschen für veraltet zu erklären, das Nachdenken darüber als unwissenschaftlich abzutun. Gerade darin liegt die Gefährlichkeit der Personvergessenheit: Sie kommt leise.

Dieses Buch will dem entgegenwirken. Es will daran erinnern, was der Mensch ist — nicht um eine Theorie um ihrer selbst willen aufzustellen, sondern weil das Wissen darum, was der Mensch ist, Folgen hat. Folgen für jeden einzelnen Menschen, für den Umgang miteinander, für die Gestaltung der Gesellschaft. Jede Spielart der Personvergessenheit — ob in der Theorie oder in der Praxis — stellt einen Verstoß gegen die angemessene Antwort auf das Sein der Person dar. Und jede Erinnerung an das, was die Person wirklich ist, ist ein Schritt zur Überwindung dieser Vergessenheit.


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Fußnoten

  1. Spaemann, Personen (1998), S. 106. Zaborowski (2010), S. 213 f. Zaborowski behandelt dort den Begriff der Personvergessenheit bei Robert Spaemann.