1.1 Warum diese Frage jeden betrifft
Es gibt Fragen, die scheinen auf den ersten Blick rein theoretisch zu sein. Ob der Mensch eine Person ist oder erst zu einer wird, ob Würde etwas Gegebenes oder etwas Erworbenes ist — das mag nach abgehobener Gelehrsamkeit klingen, nach einem Problem für den Elfenbeinturm. Doch das Gegenteil ist der Fall. Max Scheler hat einmal gesagt, dass sich in einem gewissen Verstand alle zentralen Probleme der Philosophie auf die Frage zurückführen lassen, was der Mensch sei.1 Und man darf hinzufügen: nicht nur die Probleme der Philosophie, sondern auch die der Gesellschaft, der Politik und des täglichen Zusammenlebens.
Wie wir über den Menschen denken, bestimmt, wie wir mit ihm umgehen. Das gilt immer und überall. Wer den Menschen für nichts weiter als einen besonders intelligenten Affen hält, wird ihn anders behandeln als jemand, der in ihm ein Wesen mit einer einzigartigen Würde sieht. Wer glaubt, dass Personsein an bestimmte Fähigkeiten gebunden ist — an Denken, Fühlen, Selbstbewusstsein —, der muss erklären, was mit denen geschieht, die diese Fähigkeiten nicht haben oder nicht mehr haben.
Was ist mit dem Embryo, der noch nicht denken kann? Was ist mit dem Säugling, der noch kein Selbstbewusstsein hat? Was ist mit dem Menschen im tiefen Koma, der vielleicht nie wieder aufwachen wird? Was ist mit dem Menschen mit schwerer Demenz, der nie wieder klar und geordnet denken können wird, auch wenn sein inneres Erleben, seine Gefühle und sogar Momente überraschender Klarheit bis zuletzt bestehen bleiben? Was ist mit dem Menschen nach irreversiblem Hirnfunktionsausfall, der durch eine Herz-Lungen-Maschine am Leben erhalten wird und nie wieder fühlen wird?
Wenn Personsein an Fähigkeiten hängt, dann gibt es Menschen, die keine Personen sind. Dann gibt es Menschen ohne Würde. Dann gibt es menschliches Leben, das weniger wert ist als anderes. Man müsste sagen: Ab einem bestimmten Verlust an Fähigkeiten hört jemand auf, Person zu sein. Menschsein wäre dann etwas, das man verdienen und verlieren kann. Das wäre keine Erkenntnis — das wäre eine Anmaßung.
Und es bleibt nicht bei der Theorie. Wo man beginnt, zwischen „wertem“ und „unwertem“ Leben zu unterscheiden, folgen Taten. Die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts hat gezeigt, wohin es führt, wenn man bestimmten Menschen das Personsein abspricht. Die Konsequenzen sind nicht abstrakt. Sie sind sehr real und schrecklich.
Wer dagegen erkennt, dass Personsein nicht an Fähigkeiten hängt, sondern an dem, was jemand von sich aus ist — an seinem Wesen, nicht an seiner Leistung —, der kommt zu einem grundlegend anderen Ergebnis. Und dieses andere Ergebnis ist es, das dieses Buch Schritt für Schritt begründen will.
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Fußnoten
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Scheler, Vom Umsturz der Werte (1955), in: Gesammelte Werke, Bd. 3, hrsg. von Maria Scheler, Bern/München: Francke, 1955, S. 173. ↩