Robert Spaemann (1927—2018)
Robert Spaemann ist neben Thomas von Aquin der am häufigsten herangezogene Denker des Buches. Sein zentraler Beitrag liegt in der Diagnose der Personvergessenheit und in der Verteidigung der These, dass jeder Mensch von Anfang an Person ist.
Schlüsselbeitrag
Spaemann prägt den Begriff der Personvergessenheit in Analogie zu Heideggers Seinsvergessenheit: So wie die neuzeitliche Philosophie das Sein vergessen hat, vergisst sie die Person — und zwar gerade dort, wo sie am meisten über den Menschen spricht. Seine zentrale These lautet: “Es gibt keine potentiellen Personen.” Wer Mensch ist, ist Person — ohne Abstufung, ohne Vorbehalt, ohne Bedingung. Denn “Personen gibt es nur im Plural”: Personsein zeigt sich in der Anerkennung durch andere Personen, ist aber nicht durch diese Anerkennung konstituiert (vgl. Bexten 2017, S. 218 ff.).
Zentrale Ideen im Buch
Personvergessenheit
Die Personvergessenheit ist ein latentes Mangelphänomen: Sie wirkt im Verborgenen und kommt leise. Spaemann unterscheidet theoretische und praktische Personvergessenheit. Die theoretische Form zeigt sich in Personbegriffen, die das Personsein an empirisch feststellbare Funktionen binden — wie bei Locke, Parfit oder Singer. Die praktische Form zeigt sich überall dort, wo Menschen wie Sachen behandelt werden. Beide Formen verstärken einander: Wer falsch über den Menschen denkt, wird ihn leichter falsch behandeln.
Gegen die Aufspaltung von Mensch und Person
Spaemann wendet sich gegen die neuzeitliche Aufspaltung von “Mensch” (biologischer Organismus) und “Person” (Wesen mit bestimmten Fähigkeiten). Diese Aufspaltung, die auf Locke und letztlich auf Descartes’ Zweiteilung von Geist und Körper zurückgeht, führt dazu, dass es “Menschen” geben kann, die keine “Personen” sind — etwa Embryonen oder Menschen mit schwerer Demenz. Spaemann zeigt: Diese Konsequenz ist nicht nur ethisch verheerend, sondern ontologisch falsch.
Personsein als Urphänomen
Für Spaemann ist Personsein ein Urphänomen: Es lässt sich nicht auf Unpersönliches zurückführen. Die Person ist kein Epiphänomen neuronaler Prozesse (gegen Parfit), kein bloßes Produkt sozialer Zuschreibung, sondern eine irreduzible Wirklichkeit. Personsein zeigt sich — im Blick, im Wort, in der Bejahung des anderen —, aber es wird nicht durch dieses Zeigen erst hervorgebracht.
Die Personalistische Norm
Spaemann vertritt die Personalistische Norm, die auch Karol Wojtyła formuliert hat: Die Person ist um ihrer selbst willen zu bejahen und zu lieben. Die Würde der Person ist kein zugeschriebener Wert, sondern ein ontologischer — sie gehört zum Sein der Person selbst.
Stellung im Buch
Spaemann wird besonders in den Kapiteln Was passiert, wenn wir vergessen, wer der Mensch ist? und Einleitung herangezogen. Sein Denken verbindet die substanzontologische Tradition (Thomas, Boëthius) mit der phänomenologischen Analyse (Husserl, Stein) und der Wertphilosophie (Scheler, Seifert).
Siehe auch
- Thomas von Aquin
- Karol Wojtyła
- Martin Heidegger
- Rene Descartes
- John Locke
- Peter Singer
- Derek Parfit
- Boethius
- Edmund Husserl
- Edith Stein
- Max Scheler
- Josef Seifert
- Personvergessenheit
- Person
- Personsein
- Menschliche Person
- Würde
- Urphänomen
- Personalistische Norm
- Jemand
- Embryo
- Demenz
- Substanz
- Agere sequitur esse
- Freiheit
- Liebe
- Bejahung
- Selbsttranszendenz
- Erkenntnis
- Einsicht
- Personbegriff
- Empirisch-funktionalistischer Personbegriff
- Substanzontologischer Personbegriff
- Personverhalten
- Natur
- Metaphysik
- Erste Dimension
- Leib-Seele-Einheit
- Basale Relationen
- Kapitel 5: Personvergessenheit
- Kapitel 1: Einleitung
- Zusammenfassung
- Kapitel 4: Personsein