2.2 Philosophie ist nicht Meinungssache
Es gibt eine weit verbreitete Auffassung, die ungefähr so lautet: In der Philosophie kann jeder denken, was er will. Es gibt keine richtigen und falschen Antworten. Alles ist Ansichtssache.
Das klingt bescheiden und tolerant. Aber es ist falsch.
Stellen Sie sich vor, jemand behauptet: „Zwei plus zwei ist fünf.“ Würden Sie sagen: „Nun, das ist eben seine Meinung“? Natürlich nicht. Sie würden sagen: Das stimmt nicht. Und Sie könnten erklären, warum es nicht stimmt. Die Wahrheit, dass zwei plus zwei vier ist, hängt nicht davon ab, ob jemand sie für richtig hält. Sie gilt, ob Menschen sie anerkennen oder nicht.
Ebenso gibt es in der Philosophie Sachverhalte, die wahr sind — unabhängig davon, was einzelne Menschen darüber meinen. Die Frage „Was ist der Mensch?“ ist keine Frage, auf die jede Antwort gleich gut wäre. Es gibt Antworten, die der Wirklichkeit entsprechen, und solche, die ihr nicht entsprechen. Die Aufgabe des Philosophen ist es, die wahren Antworten zu finden — und zu zeigen, warum sie wahr sind.
Das bedeutet nicht, dass Philosophie einfach wäre. Es bedeutet auch nicht, dass Philosophen sich nie irren. Es bedeutet nur: Es gibt etwas zu erkennen. Es gibt eine Wirklichkeit, die unabhängig von unserem Denken besteht und die wir — wenn auch mit Mühe — erfassen können.
Aristoteles hat es auf den Punkt gebracht: „Die Philosophie ist die Wissenschaft der Wahrheit. Die theoretische Wissenschaft hat die Wahrheit zum Ziel.“Aristoteles, Metaphysik I—VI (1989), II, 1 (993b 20) Robert Spaemann ergänzt: „Der Philosoph […] hat nicht für wahr zu halten, wovon er vermutet, daß es am Ende herrschende Meinung sein werde, sondern er muss ohne Erfolgsgarantie dasjenige argumentativ in den Streit der Philosophien einbringen, was er als wahr zu sehen glaubt“.Spaemann (2010), S. 263
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