Edith Stein (1891—1942)

Edith Stein — Philosophin, Schülerin Husserls, Freundin Conrad-Martius’ und Karmelitin — verbindet phänomenologische Analyse mit einer tiefen Einsicht in die Innerlichkeit der Person. Ihr Bild von der “belichteten Oberfläche über dunkler Tiefe” ist für das Buch ein Schlüsselbild.

Schlüsselbeitrag

Stein formuliert das Bild: Das Bewusstsein ist nur die “belichtete Oberfläche über dunkler Tiefe”. Damit sagt sie: Das personale Sein reicht tiefer als das, was dem Selbstbewusstsein zugänglich ist. Die Person ist nicht identisch mit dem, was sie von sich weiß. Unter der bewussten Oberfläche liegt eine Tiefe des Seins, die das Zugrundeliegende aller bewussten Akte ist. Wer Person nur mit Bewusstsein gleichsetzt — wie Locke —, erfasst nur die Oberfläche (vgl. Bexten 2017, S. 165 ff.).

Zentrale Ideen im Buch

Personales Sein tiefer als Bewusstsein

Steins Einsicht bestätigt aus phänomenologischer Perspektive, was die substanzontologische Tradition sagt: Das Personsein geht dem aktualen Bewusstsein voraus. Es gehört zur Ersten Dimension — dem substantiellen Sein, das auch dann besteht, wenn das Bewusstsein eingeschränkt oder ausgesetzt ist (Schlaf, Ohnmacht, Demenz, frühes Embryonalstadium). Die Zweite Dimension (bewusstes, rationales Handeln) setzt die Erste voraus, nicht umgekehrt.

Innerlichkeit

Stein beschreibt die Innerlichkeit der Person: das Bei-sich-Sein, das mehr ist als Selbstbewusstsein. Die Person hat eine Tiefe, die sie selbst nie ganz auslotet. Diese Innerlichkeit ist der Raum, in dem Erkenntnis, Freiheit und Liebe ihren Ursprung haben. Sie ist zugleich der Grund dafür, dass die Person ein Jemand ist — ein Wesen mit einem unverwechselbaren “Innen”, das sich von keinem Außen vollständig erfassen lässt.

Seele und Leib

Stein versteht die Seele als den Kern der Person, der den Leib durchformt und belebt. Die Leib-Seele-Einheit ist für sie keine nachträgliche Zusammensetzung, sondern eine ursprüngliche Einheit, die in der Form-Stoff-Struktur gründet. Sie verbindet damit die phänomenologische Leibanalyse mit der aristotelisch-thomistischen Tradition (Aristoteles, Thomas von Aquin).

Stellung im Buch

Stein wird vor allem im Kapitel Was ist menschliches Personsein? herangezogen, insbesondere bei der Entfaltung der Ersten Dimension und der Innerlichkeit. Ihre Philosophie bildet eine Brücke zwischen der phänomenologischen Methode (Husserl) und der substanzontologischen Tradition (Thomas, Boëthius).

Siehe auch