Einfühlung

Die unmittelbare Gegebenheit eines anderen Subjekts als Subjekt. Einfühlung ist nicht reduzierbar auf Projektion, Analogieschluss oder assoziative Übertragung. Edith Stein bestimmt sie als “die Grundform, in der uns andere leibliche, erlebende Subjekte gegeben sind.” Sie ist ein eigenständiges intentionales Erlebnis, das die Einheit zwischen leiblichem Ausdruck und Erlebnis erfasst (vgl. Bexten 2017, S. 188 ff.).

Einfühlung ist in der thomistisch-personalontologischen Analyse zugleich personaler Akt und Urphänomen. Als Urphänomen ist sie irreduzibel: Sie lässt sich nicht auf einfachere psychische Vorgänge zurückführen. Der Versuch, Einfühlung als bloße Projektion eigener Erlebnisse auf den Anderen zu erklären, verfehlt ihren Kern — denn in der Einfühlung ist der Andere gerade als Anderer, als fremdes Subjekt gegeben, nicht als Spiegelung des eigenen Ich. Ebenso scheitert der Analogieschluss (“Ich schließe aus dem Verhalten des Anderen auf sein Erleben analog zu meinem eigenen”), weil die Einfühlung dem Schluss vorausgeht: Ohne ein vorgängiges Erfassen des Anderen als erlebendes Subjekt wäre der Analogieschluss gar nicht möglich.

Im Leib des Anderen zeigt sich dessen Innerlichkeit: Der Gesichtsausdruck, die Geste, die Stimme sind nicht bloß physische Daten, die erst nachträglich “gedeutet” werden, sondern unmittelbarer Ausdruck des personalen Erlebens. Die phänomenologische Analyse zeigt, dass der Leib eine eigene Ausdrucksdimension besitzt, die in der Einfühlung direkt erfasst wird. Damit ist Einfühlung eine grundlegende Form der Erkenntnis — nicht theoretisch-begriffliche Erkenntnis, sondern ein originäres Gewahrwerden des Anderen als Person.

Für die Interpersonalität ist die Einfühlung konstitutiv: Ohne sie gäbe es keine Begegnung von Person zu Person, kein Verstehen des Anderen in seiner Subjektivität. Die interpersonale Beziehung gründet darin, dass die Person den Anderen nicht als Objekt, sondern als Jemand erfasst — als ein Wesen mit eigener Innerlichkeit, eigenem Erleben, eigener Würde. In diesem Sinne ist Einfühlung die Voraussetzung aller Bejahung und Liebe: Man kann den Anderen nur um seiner selbst willen bejahen, wenn man ihn zuvor als Subjekt erfasst hat.

Ontologische Einordnung:

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein?

Siehe auch