Thomas von Aquin (1225—1274)
Thomas von Aquin ist der philosophische Hauptgewährsmann des Buches. Seine substanzontologische Bestimmung der Person durchzieht die gesamte Argumentation. Im Anschluss an Boëthius und Aristoteles entfaltet Thomas eine Ontologie der Person, in der Personsein und Würde untrennbar verbunden sind.
Schlüsselbeitrag
Thomas formuliert den Satz, der für das Buch programmatisch ist: “Die Person bezeichnet das Vollkommenste in der gesamten Natur” (persona significat id quod est perfectissimum in tota natura, Summa theologiae Ia q.29 a.3). Person ist für Thomas kein neutraler Gattungsbegriff, sondern ein Würdebegriff: Wer “Person” sagt, sagt damit zugleich etwas über die Einzigartigkeit und Vollkommenheit dieses Wesens aus. Die Person ist ein Jemand, nicht bloß ein Etwas.
Zentrale Ideen im Buch
Agere sequitur esse
Das Prinzip agere sequitur esse — “das Handeln folgt dem Sein” — ist der Schlüssel zum Verständnis des Verhältnisses von Personsein und Personverhalten. Der Mensch denkt, erkennt und liebt nicht, weil er dadurch Person wird, sondern weil er Person ist. Sein geht dem Handeln voraus. Dieses Prinzip widerlegt den empirisch-funktionalistischen Personbegriff, der das Verhältnis umkehrt (vgl. Bexten 2017, S. 195 ff.).
Substanzontologie
Thomas übernimmt und vertieft die boëthianische Definition der Person als rationalis naturae individua substantia. Die Person gehört in den Bereich der Substanz, nicht der Akzidenzien. Das bedeutet: Personsein ist keine hinzutretende Eigenschaft, sondern das Zugrundeliegende aller Eigenschaften und Fähigkeiten. Die Seele ist die substantielle Form des Leibes, sodass der Mensch eine echte Leib-Seele-Einheit bildet (vgl. Bexten 2017, S. 115—130).
Akt und Potenz
Im Rahmen der aristotelisch-thomistischen Lehre von Akt und Potenz wird das Personsein als der Akt verstanden, aus dem die Vermögen der Vernunft, der Freiheit und der Liebe als Potenzen hervorgehen. Auch ein Embryo oder ein Mensch mit Demenz ist Person im vollen Sinne, weil sein Personsein der Ersten Dimension angehört — dem substantiellen Sein, das unabhängig von der aktuellen Ausübung der Vermögen besteht.
Natur und Person
Thomas unterscheidet klar zwischen Natur (das, was jemand ist) und Person (das, wer jemand ist). Die menschliche Person ist ein Wesen, dessen Natur durch Vernunft bestimmt ist — aber ihr Personsein geht nicht in dieser Natur auf, sondern ist das einmalige, unwiederholbare Sein dieses konkreten Jemand.
Stellung im Buch
Thomas von Aquin wird vor allem in den Kapiteln Was ist eine Person? und Was ist menschliches Personsein? ausführlich herangezogen. Seine Philosophie bildet zusammen mit der Realontologie von Conrad-Martius, der Personphilosophie Spaemanns und der Wertontologie Seiferts das systematische Fundament des substanzontologischen Personbegriffs.
Siehe auch
- Boethius
- Aristoteles
- Hedwig Conrad-Martius
- Robert Spaemann
- Alexander von Hales
- Edith Stein
- Karol Wojtyła
- Josef Seifert
- Substanz
- Akzidenz
- Agere sequitur esse
- Akt und Potenz
- Form und Stoff
- Person
- Personsein
- Menschliche Person
- Würde
- Jemand
- Erkenntnis
- Wahrheit
- Vernunft
- Freiheit
- Liebe
- Natur
- Seele
- Leib
- Leib-Seele-Einheit
- Erste Dimension
- Personalistische Norm
- Personbegriff
- Substanzontologischer Personbegriff
- Empirisch-funktionalistischer Personbegriff
- Personverhalten
- Embryo
- Demenz
- Tugend
- Metaphysik
- Wesensgesetz
- Basale Relationen
- Kapitel 3: Personbegriff
- Kapitel 4: Personsein
- Kapitel 2: Methode