Dritte Dimension

Die dritte Dimension des menschlichen Personseins ist die Dimension der Eigentlichkeit: Sie fragt, was der Mensch aus dem macht, was er ist. Durch sein freies, bewusstes, verantwortliches Handeln formt sich der Mensch in qualitativer Hinsicht. Die mittelalterlichen Denker nannten dies das ens morale — das sittliche Sein der Person, das Ergebnis ihrer freien Entscheidungen. Die dritte Dimension setzt die zweite (und damit die erste) voraus.

Die sittlichen Werte — Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Tapferkeit, Barmherzigkeit, Treue — setzen wesentlich die Freiheit der Person voraus: Erzwungene Gerechtigkeit ist keine Gerechtigkeit. Sobald ein Mensch bewusst und frei handelt, wird die dritte Dimension mitaktuiert; jede menschliche Handlung trägt zur sittlichen Vervollkommnung oder Abwertung bei (vgl. Bexten 2017, S. 230—250). Wenn der Mensch das Wahre erkennt und bejaht, das Gute tut und liebt, verwirklicht er seine “ontologische Wahrheit” — die Übereinstimmung zwischen dem, was er ist, und dem, was er tut. Handelt er dagegen entgegen seinem Wesen, wird er zur “ontologischen Lüge”.

Ein Schlüsselbegriff der dritten Dimension ist die Selbsttranszendenz: das Sich-selbst-Überschreiten, die Fähigkeit, über sich hinauszugehen — für die Wahrheit, für das Gute, für den anderen Menschen. Ihr Gegenteil ist die curvatio in se ipsum (Verkrümmung in sich selbst), das egoistische Um-sich-selbst-Kreisen. Der entscheidende Punkt: Auch wenn ein Mensch alle qualitativen Werte verliert, verliert er niemals seinen ontologischen Wert, seine unverlierbare Würde. Nur in qualitativer Hinsicht lässt sich berechtigterweise von einem “Unmenschen” sprechen — ontologisch ist auch der schlimmste Verbrecher noch eine Person. Spaemann betont: “Es gibt keine Ethik ohne Metaphysik.”

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein? (bes. 4.7.5)

Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Dimension Der Grundwirklichkeitsform

Ontologische Beziehungen:

Siehe auch