Vernunft
Vernunft (lat. ratio, intellectus) ist das Wesenscharakteristikum der menschlichen Person. Sie bezeichnet das Vermögen, die Wahrheit der Dinge zu erkennen und in Einsichten zu erfassen, was etwas ist. Die rationale Natur unterscheidet den Menschen von allen anderen leiblichen Lebewesen.
Vernunft und Personsein
Bereits Boëthius definiert die Person als naturae rationalis individua substantia — die unteilbare Substanz rationaler Natur. Die Vernunft gehört damit zur konstitutiven Natur des Menschen, nicht erst zu seinem aktualen Vollzug. Ein Mensch ist vernunftbegabt, auch wenn er die Vernunft (noch) nicht aktuell ausübt — etwa der Embryo oder der Mensch mit Demenz.
Vernunft als Personverhalten
Im Rahmen der zweiten Dimension des Personseins gehört Vernunft zum Personverhalten: zum rational-affektiv-bewussten und voluntativ-freien Sein der Person (Bexten 2017, S. 259 ff.). Vernunft ist damit kein Kriterium für das Personsein, sondern dessen Ausdruck. Dies steht im Gegensatz zum empirisch-funktionalistischen Personbegriff, der Vernunftgebrauch zur Bedingung des Personseins macht.
Vernunft und Freiheit
Vernunft und Freiheit bedingen einander: Nur wer erkennt, kann frei wählen, und nur wer frei ist, kann der erkannten Wahrheit folgen. Der actus humanus — die bewusste, freie Handlung — setzt beides voraus. Thomas von Aquin betont, dass der Mensch gerade durch die Vernunft an der göttlichen Vorsehung teilhat.
Abgrenzung
Max Scheler warnt vor einer Verengung des Menschenbildes auf die Vernunft allein. Der Mensch ist nicht nur animal rationale, sondern wesentlich auch liebende und sich selbst überschreitende Person. Peter Wust spricht vom “Massnehmen des Geistes an den Dingen” und verbindet so Vernunft mit demütigem Empfangen.
Ontologische Zuordnung: Vernunft (Rationalität) ist (gemäss Ontologie) Unterklasse von Wesenscharakteristikum der Person. Sie gehört zur rationalen Natur.
Siehe auch
- Erkenntnis
- Selbstbewusstsein
- Intentionalität
- Wesensgesetz
- Agere sequitur esse
- Person
- Personsein
- Menschliche Person
- Natur
- Substanz
- Personverhalten
- Freiheit
- Einsicht
- Wahrheit
- Würde
- Jemand
- Actus humanus
- Innerlichkeit
- Liebe
- Selbsttranszendenz
- Zweite Dimension
- Dritte Dimension
- Embryo
- Demenz
- Akt und Potenz
- Personalistische Norm
- Empirisch-funktionalistischer Personbegriff
- Personvergessenheit
- Seele
- Leib
- Metaphysik
- Boëthius
- Thomas von Aquin
- Aristoteles
- Max Scheler
- Peter Wust
- Robert Spaemann
- Kapitel 4: Personsein
- Kapitel 3: Personbegriff
- Denken