Tugend
Tugend (lat. virtus, gr. arete) ist die sittliche Vervollkommnung der Person, der beständige Habitus des Guten. Sie gehört zur qualitativ vervollkommneten Existenz der menschlichen Person und entfaltet sich in der dritten Dimension des Personseins (vgl. Bexten 2017, S. 271 ff.). Aristoteles definiert die Tugend als feste Haltung (hexis), die den Menschen befähigt, das Gute zu tun und es gerne zu tun. Thomas von Aquin systematisiert die Tugendlehre und unterscheidet die Kardinaltugenden: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Ihr Gegenteil ist das Laster — die beständige Neigung zum Bösen, die curvatio in se ipsum.
Tugend setzt Freiheit voraus: Nur wer frei handelt, kann tugendhaft sein. Sie setzt ebenso Vernunft und Erkenntnis voraus, denn die Einsicht in das Gute leitet das tugendhafte Handeln. In der Tugend überschreitet die Person die bloße Selbstbezogenheit (Selbsttranszendenz): Der tugendhafte Mensch handelt nicht nur aus Pflicht, sondern aus Liebe zum Guten. Hengstenberg sieht darin die Berufung des Menschen: als zur Liebe berufenes Wesen das Gute zu verwirklichen. Verantwortung und Tugend hängen eng zusammen: Die Bejahung des Anderen um seiner selbst willen ist die höchste Form tugendhaften Handelns. Die Tugend vervollkommnet die Person, aber die Würde gründet nicht in der Tugend, sondern im Personsein selbst — auch der untugendhafte Mensch bleibt Person mit Würde (agere sequitur esse, substanzontologischer Personbegriff).
Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein? (bes. 4.7.5)
Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Gesinnung; Unterbegriffe: Ehrfurcht, Keuschheit
Ontologische Beziehungen:
- disjunkt mit: Praktische Personvergessenheit
Siehe auch:
- Dritte Dimension
- Zweite Dimension
- Erste Dimension
- Personsein
- Person
- Menschliche Person
- Freiheit
- Vernunft
- Erkenntnis
- Einsicht
- Wahrheit
- Liebe
- Selbsttranszendenz
- Verantwortung
- Bejahung
- Verzeihen
- Würde
- Personalistische Norm
- Personverhalten
- Actus humanus
- Agere sequitur esse
- Substanz
- Natur
- Jemand
- Innerlichkeit
- Selbstbewusstsein
- Intentionalität
- Personvergessenheit
- Personbegriff
- Substanzontologischer Personbegriff
- Interpersonalität
- Basale Relationen
- Urphänomen
- Akt und Potenz
- Aristoteles
- Thomas von Aquin
- Hans Eduard Hengstenberg
- Karol Wojtyła
- Robert Spaemann
- Kapitel 4: Personsein