Ehrfurcht
Die grundlegende Wertantwort auf die Würde und Werthaftigkeit des Seienden. Ehrfurcht ist nach Hildebrand die “Mutter aller Tugenden” und Voraussetzung jeder adäquaten Wertantwort. Ohne Ehrfurcht ist die Personalistische Norm nicht lebbar.
Ehrfurcht ist keine Schwäche und kein Gefühl der Unterwürfigkeit, sondern die angemessene Haltung gegenüber dem objektiv Werthaften. Sie ist die Grundhaltung, die den Menschen befähigt, die Wirklichkeit so zu empfangen, wie sie ist — statt sie nach eigenem Maß zu verformen. Ehrfurcht vor der Person bedeutet, sie als Jemand wahrzunehmen, nicht als bloßes Etwas, und sie um ihrer selbst willen zu bejahen (vgl. Bexten 2017, S. 218–222).
Als intentionales Gefühl ist die Ehrfurcht nicht bloß ein subjektiver Gemütszustand, sondern eine gerichtete Antwort auf einen objektiv erfassten Wert. Sie gehört zur Affektivität der Person und ist zugleich eine Tugend — eine habituell gewordene Haltung, die den Charakter der Person formt. Hildebrand zeigt, dass ohne Ehrfurcht keine andere Tugend möglich ist: Wer die Wirklichkeit nicht in ihrer Werthaftigkeit zu empfangen vermag, kann weder gerecht noch liebend noch wahrhaftig sein. Die Ehrfurcht öffnet den Menschen für das Mysterium des Seienden und schützt ihn vor der Versuchung, alles unter das eigene Maß zu zwingen.
Im Kontext der Personalistischen Norm kommt der Ehrfurcht eine Schlüsselrolle zu: Nur wer Ehrfurcht vor der Person hat, kann sie als Zweck an sich selbst behandeln und sie niemals bloß als Mittel gebrauchen. Die Ehrfurcht ist damit die affektive Grundlage der sittlichen Haltung gegenüber Personen. Ihre Abwesenheit führt zur Verachtung, zur Instrumentalisierung und letztlich zur Leugnung der personalen Würde (vgl. Bexten 2017, S. 218–222).
Ontologische Einordnung:
- Oberbegriff: Tugend, Intentionales Gefühl
Ontologische Beziehungen:
- ist Voraussetzung jeder: Wertantwort
- ist Grundlage der: Personalistische Norm
- gehört zur: Affektivität
Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein, Kapitel 5: Personvergessenheit
Siehe auch: Wertantwort, Würde, Personalistische Norm, Affektivität, Tugend, Person, Jemand, Werte, Bejahung, Intentionales Gefühl, Seiendes, Gesinnung, Dietrich von Hildebrand