3.1 Was bedeutet das Wort „Person“?

Wenn wir im Alltag von einer „Person“ sprechen, können wir damit ganz Verschiedenes meinen. Manchmal sagen wir: „In diesem Raum befinden sich drei Personen“ — und meinen einfach: drei Menschen. Ein anderes Mal sagen wir: „Er ist eine beeindruckende Persönlichkeit“ — und meinen damit den Charakter, das Auftreten, die innere Größe eines Menschen. Wieder ein anderes Mal sprechen wir von einer „juristischen Person“ — und meinen eine Firma, also gar keinen Menschen, sondern ein rechtliches Gebilde.

Diese Vielfalt im Sprachgebrauch ist nicht zufällig. Sie spiegelt die außergewöhnliche Bedeutungsbreite des Wortes „Person“ wider. Ein Jurist verwendet das Wort anders als ein Theologe, ein Theologe anders als ein Arzt, ein Arzt anders als ein Philosoph. Im Gerichtssaal kann eine Aktiengesellschaft als „Person“ gelten. In der Theologie ist von den drei „Personen“ Gottes die Rede — Gott Vater, Gott Sohn und Gott Heiliger Geist. In der Medizin fragt man, ob ein Mensch noch „als Person ansprechbar“ ist. Und im Alltag sagen wir Dinge wie „sie ist eine warmherzige Person“ oder „drei Personen wurden verletzt“.

All das sind grundverschiedene Gebrauchsweisen desselben Wortes. Hinter dem alltäglichen Wortgebrauch stecken grundverschiedene Bedeutungen, die wir in der Regel stillschweigend vermischen. Wenn wir klarer denken wollen, müssen wir sie auseinanderhalten. Das ist nicht pedantisch, sondern notwendig. Denn die meisten philosophischen Kontroversen um die Person rühren daher, dass verschiedene Gesprächspartner mit demselben Wort etwas völlig Verschiedenes meinen — und das, ohne es zu bemerken.

Mindestens diese Bedeutungen lassen sich unterscheiden:

  • „Person“ als ein gedrucktes oder gesprochenes Wort — also die Zeichenfolge P-e-r-s-o-n, die aus Buchstaben besteht und je nach Sprache anders klingt und aussieht. In dieser Bedeutung ist „Person“ nichts weiter als ein Laut oder eine Druckerschwärzefolge.

  • „Person“ als Name für jemanden — wie ein absoluter Name, der das Für-sich-Stehen eines Wesens ausdrückt, im Gegensatz zu relativen Bezeichnungen wie „Ich“ und „Du“. In diesem Sinne hat Max Scheler das Wort „Person“ verstanden: als etwas, das auf eine Ganzheit verweist, die sich selbst genügt.Scheler, Die Stellung des Menschen im Kosmos (2011),

  • „Person“ im Sinne einer sozialen Rolle — abgeleitet von der Maske der antiken Schauspieler, dem griechischen prosopon (Gesicht, Miene, Maske). So kann „Person“ auch in der Bedeutung einer sozialen Rollenbezeichnung verwendet werden. Im Theater war die persona die Maske, durch die der Schauspieler sprach und die ihm eine bestimmte Rolle zuwies.

  • „Person“ als Idee — als das, was wir uns unter einer Person im Allgemeinen vorstellen, abgesehen von jeder bestimmten wirklichen Person.

  • „Person“ als ein einmaliges Wesen — als ein individuelles, unwiederholbares Seiendes, das kraft seines Soseins nicht etwas, sondern jemand ist. In dieser Bedeutung meint „Person“ nicht eine Eigenschaft oder eine Rolle, sondern ein konkretes, reales, nicht austauschbares Wesen.

  • „Person“ als geistige Substanz — als ein Wesen, das Selbstbewusstsein, Vernunft, freien Willen, Gedächtnis und Liebesfähigkeit besitzt und deswegen als verantwortliches sittliches Subjekt in seine eigenen freien Handlungen einsteht. Es ist entweder ganz und gar Person oder es ist keine Person — ein bloß „zur Hälfte Person sein“ ist so wenig möglich wie ein „zur Hälfte schwanger sein“.

  • „Person“ als Würdebegriff — als Ausdruck dafür, dass jemandem ein unverlierbarer, in sich selbst bedeutsamer Wert zukommt. In dieser Bedeutung sagt „Person“ nicht bloß, was ein Wesen tut, sondern was es ist und welcher Wert ihm innewohnt.

  • „Person“ als ein Wesen, das bestimmte Fähigkeiten hat — etwa Vernunft, Selbstbewusstsein oder die Fähigkeit, Wünsche für die Zukunft zu haben. In dieser Bedeutung ist „Person“ ein Zustand oder eine Eigenschaft, die man haben oder nicht haben kann.

  • „Person“ als ein geistiger Inhalt, ein Begriff — also eine Bedeutungseinheit, durch die wir denkend auf das Wesen der Person abzielen.

Diese Aufzählung lässt sich noch weiter fortsetzen. Es gibt auch die Bedeutung von „Person“ als bloßes Zählwort („drei Personen im Raum“), als rein relationales Sein („Person nur in Beziehung zu anderen“), als Einheit von Zeitphasen (eine Art persönlicher Identität über die Zeit), als theologischer Fachbegriff (im trinitarischen Sinn) und andere mehr. Allein die Dissertation, auf der dieses Buch basiert, unterscheidet achtzehn verschiedene Bedeutungen des Wortes „Person“ (vgl. Bexten 2017, S. 61—65).

Die Vielfalt dieser Bedeutungen zeigt sich auch im alltäglichen Sprachgebrauch. Wenn ein Hotelier fragt: „Für wie viele Personen?“ meint er etwas anderes als ein Richter, der sagt: „Die beschuldigte Person hat das Recht zu schweigen.“ Und beide meinen etwas anderes als der Theologe, der über die drei göttlichen Personen spricht. Das Wort ist dasselbe. Aber was es bedeutet, ist grundverschieden.

Warum ist diese Unterscheidung so wichtig? Weil sie den Kern fast aller Missverständnisse offenlegt. Wenn der eine sagt: „Der Embryo ist keine Person“, meint er vielleicht: „Er hat noch kein Selbstbewusstsein“ (Bedeutung h). Wenn der andere sagt: „Doch, er ist eine Person“, meint er: „Er ist ein eigenständiges menschliches Wesen mit Würde“ (Bedeutungen e, f und g). Beide benutzen dasselbe Wort, sprechen aber aneinander vorbei.

Ein weiteres Beispiel: Wenn jemand sagt „Mein Großvater ist keine Person mehr, er erkennt mich nicht“, dann verwendet er „Person“ im Sinne von Bedeutung (h) — als jemanden, der bestimmte Fähigkeiten aktuell ausüben kann. Wer dagegen antwortet: „Dein Großvater ist und bleibt eine Person, egal was er noch kann oder nicht kann“, versteht „Person“ im Sinne von (e), (f) und (g) — als ein Wesen, das seine Würde nicht durch den Verlust von Fähigkeiten einbüßt. Beide reden vom gleichen Großvater. Aber sie meinen mit „Person“ etwas völlig Verschiedenes.

Es lohnt sich also, genauer hinzuschauen, was ein „Begriff“ überhaupt ist — und was es heißt, einen treffenden Begriff der Person zu haben.


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