Der Einwand der diachronen Identität richtet sich gegen jede Theorie, die die personale Identität durch psychologische Kontinuität oder durch ein Bündel wechselnder Erlebnisse zu erklären versucht. Er lautet: Wenn das Ich nichts weiter ist als eine Abfolge miteinander verknüpfter Bewusstseinszustände, dann bleibt unerklärbar, warum wir die Person gestern, heute und morgen als dieselbe Person ansprechen — obwohl ihre Zustände sich vollständig geändert haben können.

David Hume hat die Position zugespitzt: Wenn ich in mich hineinsehe, stoße ich nur auf einzelne Eindrücke und Ideen, niemals auf ein durchgängiges Ich. Das Selbst ist nach Hume ein bundle of perceptions, ein Bündel von Wahrnehmungen. Derek Parfit hat diese Position weiterentwickelt und behauptet, personale Identität sei letztlich nicht das, was zählt — was zählt, sei die psychologische Kontinuität zwischen zeitlich aufeinanderfolgenden Person-Stadien. Identität wird zu einer Frage des Grades.

Der Einwand antwortet darauf: Ein Bündel von Erlebnissen kann nicht selbst erklären, warum es mein Bündel ist. Damit eine Abfolge von Erlebnissen überhaupt als eine diachrone Einheit in den Blick kommt, muss es bereits ein identisches Subjekt geben, dem diese Erlebnisse zugeschrieben werden. Die psychologische Kontinuität setzt die personale Identität voraus und kann sie nicht konstituieren. Wer heute sagt “ich erinnere mich an mein gestriges Ich”, macht eine Identitätsaussage, die über die bloße Ähnlichkeit zweier Erlebnis-Schichten weit hinausgeht.

Bexten formuliert diesen Einwand in seiner Dissertation präzise gegen die Erinnerungstheorie:

Dieser Erklärungsversuch, durch den die Nichtexistenz eines zugrundeliegenden Seins der Person kompensiert werden soll, scheint inkonsistent zu sein, da eine Erinnerung immer eines zugrundeliegenden Seins (Subjektes) wesensnotwendig bedarf, das sich an etwas erinnert. Die Erinnerung an etwas kann somit nicht einheitsstiftend, nicht personkonstitutiv sein, da jede Erinnerung schon immer wesensnotwendig die Person voraussetzt, die sich an etwas erinnern kann, weil sie Identität, ein einheitliches Sein und somit personales Leben besitzt.

— Bexten 2017, S. 106f.

Philosophisch steht hinter dem Einwand die klassische Unterscheidung zwischen Substanz und Akzidenz. Das Subjekt bleibt dasselbe, während seine Zustände sich ändern. Ohne ein solches substanzielles Subjekt verlöre die Rede von Veränderung ihren Sinn — denn Veränderung setzt voraus, dass etwas sich verändert, nicht bloß, dass Zustände nacheinander auftreten.

Der substanzontologische Personbegriff kann diachrone Identität erklären, weil er die Person als Substanz bestimmt — als ein einheitliches, durch die Zeit tragendes Seiendes mit rationaler Natur.

In der Argumentenkarte zum Personbegriff: Der Einwand bildet den systematischen Widerlegungs­grund gegen Humes Bundle Theory und Parfits These der psychologischen Kontinuität — beide Positionen sind in der Karte mit einer roten widerlegt-Kante markiert.

Ontologische Einordnung: Oberbegriff: Einwand; richtet sich gegen: Empirisch-funktionalistischer Personbegriff

Kapitelzuordnung: Kapitel 3: Was ist eine Person?

Quellenangaben: Bexten 2017, S. 106f. (wörtliche Formulierung der Erinnerungs-Voraussetzungs-Kritik); S. 103–116 (Kritik des empirisch-funktionalistischen Personbegriffs, diachrone Identität).

Weitere Quellen:

  • Hume, David: A Treatise of Human Nature, Book I, Part IV, Section VI (Of Personal Identity).
  • Parfit, Derek (1984): Reasons and Persons. Oxford: Clarendon Press, Teil III.
  • Spaemann, Robert (1996): Personen. Stuttgart: Klett-Cotta, Kapitel 8 (Zeit).

Siehe auch: Identität, Substanz, Substanzontologischer Personbegriff, Empirisch-funktionalistischer Personbegriff, Ausschluss-Einwand, Performativer Widerspruch, David Hume, Derek Parfit, Robert Spaemann, Kapitel 3: Personbegriff