5.2 Ein Vergessen, das im Verborgenen wirkt
Das Besondere an diesem Vergessen ist, dass es sich nicht laut ankündigt. Es kommt nicht als offener Angriff auf die Würde des Menschen daher. Es schleicht sich ein — leise, unmerklich, oft in der Verkleidung des scheinbar Selbstverständlichen.
Das lässt sich an einem Beispiel verdeutlichen. Stellen Sie sich eine Gesellschaft vor, in der allmählich die Überzeugung wächst, dass der Wert eines Menschen von seiner Leistung abhängt. Niemand würde das laut so sagen. Aber in den kleinen, alltäglichen Dingen zeigt es sich: in der Art, wie über alte Menschen gesprochen wird, die „nichts mehr beitragen“. In der Art, wie schwer kranke Menschen gefragt werden, ob ihr Leben „noch lebenswert“ sei. In der Art, wie ungeborene Kinder nach ihrem Gesundheitszustand sortiert werden. In der Art, wie der Wert eines Mitarbeiters an seinen Quartalszahlen gemessen wird.
Keines dieser Dinge kommt mit dem Etikett: „Wir vergessen gerade, wer der Mensch ist.“ Aber genau das geschieht.
Dieses Vergessen ist deshalb so schwer zu erkennen, weil es im Verborgenen wirkt. Es ist, um es in einem Bild zu sagen, wie ein Riss in einem Fundament: Von außen sieht das Haus noch einwandfrei aus. Aber im Inneren hat sich etwas verschoben, das irgendwann das ganze Gebäude zum Einsturz bringen kann.
Martin Heidegger hat darauf aufmerksam gemacht, dass das griechische Wort für „Erscheinung“ — Phänomen — wörtlich bedeutet: etwas, das sich zeigt, etwas, das offenbar wird.1 Das Vergessen dessen, wer der Mensch ist, ist ein Phänomen besonderer Art: eines, das sich gerade dadurch auszeichnet, dass es sich verbirgt. Es ist ein verborgenes Phänomen — etwas, das im Verborgenen wirkt und sich nur indirekt zeigt: an seinen Wirkungen, an den Ungereimtheiten, die es hinterlässt, an den Widersprüchen, in die es führt.
Wie erkennt man etwas, das sich verbirgt? Nicht durch direktes Hinschauen, sondern durch die Spuren, die es hinterlässt. Wenn eine Gesellschaft zunehmend danach fragt, ob ein Menschenleben „noch lebenswert“ ist; wenn in philosophischen Debatten ernsthaft erörtert wird, ob bestimmte Menschen Personen sind und andere nicht; wenn der Schutz des ungeborenen Lebens als Frage der persönlichen Präferenz behandelt wird — dann sind das Spuren. Spuren eines Vergessens, das im Verborgenen wirkt. Ebenso verhält es sich, wenn bestimmte Auffassungen über die Person — etwa der funktionalistische Personbegriff, der Personsein an Fähigkeiten bindet — nicht mehr als problematisch empfunden werden, sondern als selbstverständlich gelten. Auch das ist eine Spur. Denn wo ein Irrtum selbstverständlich wird, da ist er besonders schwer zu erkennen.
Und es gibt noch eine zweite Eigenschaft, die dieses Vergessen kennzeichnet: Es ist ein Mangel. Nicht ein Mangel an irgendetwas Beliebigem, sondern ein Fehlen von etwas, das da sein sollte. So wie Blindheit nicht einfach die Abwesenheit von Sehen ist, sondern der Verlust einer Fähigkeit, die einem Wesen eigentlich zukommt, so ist dieses Vergessen nicht einfach das Nichtwissen um den Menschen, sondern der Verlust einer Einsicht, die eigentlich zum menschlichen Erkennen gehört.
Denken Sie an eine vergleichbare Situation: Ein Musiker, der sein Gehör verloren hat, leidet nicht einfach an der Abwesenheit von Klang. Er leidet am Fehlen einer Fähigkeit, die zu seinem Wesen als Musiker gehört. Es fehlt etwas, das da sein sollte. Und dieses Fehlen verändert alles — seine Arbeit, sein Selbstverständnis, sein Verhältnis zur Welt. Ähnlich verhält es sich mit dem Vergessen des Personseins: Es ist nicht einfach ein Nichtwissen, sondern ein Fehlen einer Einsicht, die zum Menschsein gehört. Und dieses Fehlen verändert alles — wie wir denken, wie wir handeln, wie wir miteinander umgehen.
Der Mensch ist nämlich in der Lage, das Wesen der Person zu erkennen — sein eigenes und das der anderen. Dieses Erkennen gehört sogar zu seinen tiefsten Möglichkeiten. Wenn es fehlt, dann fehlt etwas Entscheidendes. Dann stimmt etwas nicht.
Es liegt in dieser Überlegung ein scheinbarer Widerspruch: Nur eine Person kann vergessen, was eine Person ist. Ein Tier kann nicht personvergessen handeln, weil es gar nicht die Fähigkeit hat, das Personsein zu erkennen. Das Vergessen des Personseins setzt also das Personsein des Vergessenden voraus. Gerade dadurch — und das ist der entscheidende Punkt — offenbart auch die personvergessene Handlung noch etwas von dem, was vergessen wurde. Denn nur eine Person kann so handeln. Nur ein Jemand kann vergessen, dass er ein Jemand ist.
Dieses scheinbare Paradox löst sich auf, wenn man versteht, dass das Vergessen des Personseins nicht in der Wirklichkeit aufhebt, was die Person ist. Die Person bleibt Person, auch wenn sie oder andere vergessen, was das bedeutet. Die Wirklichkeit ist stärker als das Vergessen. Indem eine Person personvergessen lebt und handelt, kann sie es jedoch nicht vermeiden, sich gerade hierdurch als Person zu offenbaren — denn nur eine Person kann personvergessen handeln und leben.
Doch warum ist dieses Vergessen gerade heute so verbreitet? Robert Spaemann hat als einen wesentlichen Grund eine bestimmte Denkbewegung der Neuzeit benannt:2 die Zweiteilung der Welt in Bewusstsein und Materie, in Geist und Körper, die bis auf Descartes zurückgeht. Wenn der Mensch nur noch als Zusammensetzung aus einem denkenden Ding und einem ausgedehnten Ding verstanden wird — und wenn später auch noch der Geist als Illusion der Materie erklärt wird —, dann ist die Verdinglichung des Menschen die unvermeidliche Folge. Der Mensch wird zu einer Sache unter Sachen, und sein Personsein gerät in Vergessenheit.
Es gibt neben dieser geistesgeschichtlichen Wurzel aber auch ganz alltägliche Mechanismen, die dieses Vergessen fördern. Überall dort, wo der Mensch auf eine Funktion reduziert wird — auf seine Arbeitskraft, seine Kaufkraft, seine Stimme bei einer Wahl —, beginnt das Vergessen zu wirken. Es braucht dafür keine böse Absicht. Oft genügt die Gewohnheit, der Alltagstrott, die scheinbare Notwendigkeit, „effizient“ mit Menschen umzugehen. Aber auch in der Gewöhnlichkeit des Alltags verliert der Mensch nicht seine Würde. Und auch in der Routine darf das Bewusstsein dafür nicht verloren gehen.
Es gibt einen weiteren Aspekt, der das Verborgene dieses Vergessens betrifft: Es kann sowohl bewusst als auch unbewusst geschehen. Manchmal wissen Menschen sehr genau, dass sie andere als Mittel benutzen — und tun es trotzdem. Manchmal aber geschieht es in völliger Ahnungslosigkeit: Man hat schlicht nie gelernt oder nie wirklich verstanden, was es bedeutet, dass der andere eine Person ist. In beiden Fällen — ob bewusst oder unbewusst — ist das Ergebnis dasselbe: Die Person wird nicht als Person gesehen. Und in beiden Fällen ist das Vergessen ein Mangel, der behoben werden kann und behoben werden sollte.
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Fußnoten
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Heidegger, Sein und Zeit (1927), Tübingen: Niemeyer, 1993, § 7. Heidegger analysiert das griechische Wort „phainomenon“ als „ein sich Zeigendes“ und unterscheidet offenbare von verborgenen Phänomenen. ↩
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Spaemann, Das unsterbliche Gerücht (2007), Stuttgart: Klett-Cotta, 2007, S. 26ff. Spaemann analysiert die cartesische Zweiteilung der Welt als Wurzel der Personvergessenheit. ↩