2.14 Die Wirklichkeit besteht unabhängig von unserem Denken

Hier stehen wir an einem Scheideweg, der in der Geschichte der Philosophie immer wieder zu Verwirrung geführt hat.

Es gibt eine philosophische Richtung, die behauptet: Die Wirklichkeit sei letztlich ein Produkt unseres Bewusstseins. Die Dinge existierten nicht unabhängig von uns, sondern würden von unserem Bewusstsein hervorgebracht — oder zumindest wesentlich mitgeformt. Diese Auffassung nennt man Idealismus.

Husserl selbst hat um 1905 eine Wende zum sogenannten transzendentalen Idealismus vollzogen. Das bedeutet, vereinfacht gesagt: Er kam zu der Auffassung, dass die reale Welt von dem Bewusstsein abhängig sei und dass das bewusste Subjekt die Wirklichkeit mitkonstituiere. Viele seiner Schüler haben diese Wende nicht mitvollzogen und kritisiert.

Die hier vertretene Methode steht dem Idealismus diametral entgegen. Ihr Grundsatz lautet: Die Dinge existieren an sich. Sie sind das, was sie sind, unabhängig davon, ob jemand sie erkennt. Ein Baum ist ein Baum, auch wenn kein Mensch ihn sieht. Ein Mensch ist ein Mensch, auch wenn niemand ihn als solchen anerkennt.

Das ist kein naiver Glaube, sondern eine philosophische Einsicht, die sich mit dem Verstand überprüfen lässt. Die Argumente sind einfach und durchschlagend:

Erstens: Wer behauptet, die Wirklichkeit sei ein Produkt unseres Bewusstseins, der muss erklären, woher die Unterscheidung zwischen Traum und Wirklichkeit kommt. Denn wenn alles nur Bewusstsein wäre, gäbe es keinen Unterschied zwischen Traum und Wachsein. Es gäbe keinen Irrtum und keine Täuschung. Denn Täuschung setzt voraus, dass es etwas gibt, worüber man sich täuschen kann — eine Wirklichkeit, die unabhängig von der Täuschung besteht, wie wir mit Augustinus verstehen können.

Zweitens: Reinach hat den Einwand, dass alles Sein bewusstseinsabhängig sein könnte, so widerlegt: „Gedachtsein“ und „abhängig sein vom Denken“ [ist] nicht ohne weiteres dasselbe. [… Dass ich an die Welt denke, bedeutet nicht, dass die Welt von meinem Denken abhängt. Die ganze Welt soll unabhängig von meinem Denken sein, und doch denke ich diese Welt.] Kein logischer Widerspruch!1

Dieser Punkt ist für alles Weitere grundlegend. Denn wenn die Wirklichkeit nicht unabhängig von unserem Denken bestünde, dann wäre die Frage „Was ist der Mensch?“ sinnlos. Es gäbe dann kein Wesen des Menschen, das wir erkennen könnten. Es gäbe nur verschiedene Konstruktionen — und keine davon wäre wahrer als die andere.

Wer aber ehrlich hinschaut, der erkennt: Es gibt eine Wirklichkeit. Und diese Wirklichkeit hat eine Ordnung. Und in dieser Ordnung gibt es Seiendes, das wir erkennen können — wenn wir die Mühe des genauen Hinschauens auf uns nehmen.


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Fußnoten

  1. Reinach, Sämtliche Werke, München: Philosophia, 1989, S. 380.