2.12 Warum manche Wahrheiten notwendig sind
An diesem Punkt taucht eine Frage auf, die geklärt werden muss: Woher kommen diese notwendigen Wahrheiten? Sind sie nur Produkte unseres Denkens? Oder haben sie einen Grund in der Wirklichkeit selbst?
Es gibt Philosophen, die meinen: Notwendige Wahrheiten seien nur Denkgesetze. Unser Verstand sei so eingerichtet, dass er bestimmte Dinge als notwendig empfinde. In Wirklichkeit aber seien diese Notwendigkeiten nur psychologische Eigenheiten — sie sagen nichts über die Welt aus, sondern nur über die Funktionsweise unseres Gehirns.
Diese Auffassung heißt Psychologismus, und sie ist grundfalsch. Husserl hat dies in seinen Logischen Untersuchungen von 1900 und 1901 ein für alle Mal gezeigt. Sein Argument lässt sich vereinfacht so zusammenfassen:
Wenn die Gesetze der Logik nur psychologische Gesetze wären, dann wären sie bloße Regelmäßigkeiten unseres Denkens — so wie es eine Regelmäßigkeit ist, dass die meisten Menschen bei Dunkelheit müde werden. Aber Regelmäßigkeiten könnten auch anders sein. Es wäre dann denkbar, dass andere Wesen andere „Logik“ hätten. „Zwei plus zwei ist vier“ wäre dann keine Wahrheit, sondern nur eine Gewohnheit unseres Gehirns.
Das ist offensichtlich absurd. Die Wahrheit, dass zwei plus zwei vier ist, gilt nicht, weil unser Gehirn so funktioniert. Sie gilt, weil es so ist. Sie gilt unabhängig von jedem Denken, in jeder möglichen Welt. Husserl schreibt dazu: „Was wahr ist, ist absolut, ist an sich“ wahr; die Wahrheit ist identisch Eine, ob sie Menschen oder Unmenschen, Engel oder Götter urteilend erfassen.1
Dasselbe gilt für alle logischen Grundgesetze: Sie sind keine psychologischen, sondern sachliche Notwendigkeiten. Sie lassen sich auf nichts anderes reduzieren, schon gar nicht auf psychologische Denkgesetze.
Die Pointe ist: Notwendige Wahrheiten haben ihren Grund nicht in unserem Denken, sondern in den Dingen selbst — in ihrem Wesen, in ihrem Sosein. Die Notwendigkeit, dass Orange seiner Qualität nach zwischen Rot und Gelb liegt, ist keine Eigenheit unseres Gehirns. Sie liegt in der Natur der Farbe Orange. Die Notwendigkeit, dass Verantwortung Freiheit voraussetzt, ist keine kulturelle Konvention. Sie liegt in der Natur der Verantwortung.
Husserl hat auch gezeigt: Wenn Evidenz — also das innere Erleben der Einsicht — nicht vertrauenswürdig wäre, dann „könnten wir überhaupt noch Behauptungen aufstellen und vernünftig vertreten”?2 „Ohne Einsicht kein Wissen.“ Ohne Wissen keine Wissenschaft. Und ohne Wissenschaft keine vernünftige Debatte. Wer die Möglichkeit der Einsicht leugnet, zerstört die Grundlage, auf der er selbst steht.
Man kann es so sagen: Es gibt eine objektive Ordnung der Dinge. Diese Ordnung besteht, ob wir sie erkennen oder nicht. Und es ist die Aufgabe der Philosophie, diese Ordnung zu erkennen — nicht sie zu erfinden.
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