2.5 Was es heißt, die Dinge selbst zur Anschauung zu bringen
Reinach hat den entscheidenden Grundsatz dieser philosophischen Methode einmal so zusammengefasst: Der Hauptsatz laute, dass jedem gegenständlichen Gebiet eine eigene Sphäre von Wesensgesetzen zugeordnet sei, „und diese Sphäre ist vor aller empirischen Feststellung zu unterscheiden.”1
In einfachen Worten heißt das: Jeder Bereich der Wirklichkeit — ob Farben, Zahlen, Versprechen, Personen oder Handlungen — hat ein eigenes Wesen. Und dieses Wesen lässt sich erkennen, bevor man auch nur einen einzigen empirischen Versuch unternimmt. Man muss kein Experiment durchführen, um zu wissen, dass eine Farbe nicht ohne Ausdehnung existieren kann. Man muss kein Experiment durchführen, um zu wissen, dass Verantwortung Freiheit voraussetzt. Diese Wahrheiten erkennt man durch geistiges Hinschauen.
Es gilt also, die Dinge selbst — in ihrem An-sich-Sein — zur Anschauung zu bringen. Nicht die Worte über die Dinge, nicht die Theorien über die Dinge, sondern die Dinge selbst. Das erfordert jene geistige Anstrengung, die Reinach so beschreibt: Es gehe darum, die Dinge „kontemplativ anzuschauen“ und „in ihr Eigensein einzudringen”.2 Das praktische Leben verleitet uns dazu, die Dinge nur zu benutzen, statt sie zu betrachten. Die Philosophie verlangt, dass wir innehalten und wirklich hinschauen.
Genau das ist auch der Grund, warum die hier beschriebene Methode keine philosophische Schulrichtung ist, sondern eine Methode des Philosophierens. Es geht nicht um die Zugehörigkeit zu einer Denkschule, sondern um eine Haltung: die Bereitschaft, die Sachen selbst sprechen zu lassen. Wer diese Haltung einnimmt, kann aus den verschiedensten Traditionen stammen — entscheidend ist allein, dass er den Sachkontakt sucht und nicht bei der Nacherzählung fremder Theorien stehen bleibt.
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