Gebet
Die personale Hinwendung an das Absolute in Form der Anrede. Das Gebet setzt voraus, dass das Absolute personal ist — es ist Ausdruck der Ich-Du-Beziehung zur absoluten Person. Als personaler Akt verwirklicht das Gebet die tiefste Möglichkeit der Selbsttranszendenz: Die Person überschreitet sich selbst auf das Absolute hin und tritt in eine interpersonale Beziehung mit dem Grund alles Seienden.
Das Gebet gehört wesentlich zur Dritten Dimension des personalen Lebens, die Bexten im Anschluss an Wojtyla und Hildebrand beschreibt. In dieser Dimension steht die Person nicht nur in Beziehung zu sich selbst (Erste Dimension) oder zu anderen endlichen Personen (Zweite Dimension), sondern zum Absoluten selbst. Das Gebet ist die paradigmatische Verwirklichung dieser Dimension: Es ist Anrede — und damit wesentlich verschieden von bloßer Meditation oder Selbstreflexion. Indem die Person „Du” zum Absoluten sagt, vollzieht sie einen Akt, der die Interpersonalität auf ihre höchste Stufe hebt (vgl. Bexten 2017, S. 244–250).
Als personaler Akt setzt das Gebet die volle Personalität des Betenden voraus: Erkenntnis (die Person erkennt das Absolute als personal), freien Willen (die Hinwendung ist frei) und Affektivität (die Anrede ist von Ehrfurcht, Vertrauen und Liebe getragen). Zugleich verweist das Gebet auf die Heiligkeit als Berufung der Person: Im Gebet antwortet die Person auf den Anruf des Absoluten und verwirklicht ihre tiefste Bestimmung. Das Gebet ist damit kein bloß religiöser Zusatz zum personalen Leben, sondern dessen Vollendung.
Ontologische Einordnung:
- Oberbegriff: Personaler Akt
Ontologische Beziehungen:
- richtet sich an: Absolutes Sein
- setzt voraus: Personalität des Absoluten, Freier Wille, Erkenntnis
- verwirklicht: Dritte Dimension, Selbsttranszendenz
- ist Ausdruck von: Interpersonalität
Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Personsein, Kapitel 5: Personvergessenheit
Siehe auch: Person, Absolutes Sein, Interpersonalität, Dritte Dimension, Heiligkeit, Selbsttranszendenz, Personaler Akt, Ehrfurcht, Affektivität