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Die Organspende nach Kreislaufstillstand — international Donation after Circulatory Death, im deutschen Sprachraum auch Herz-Kreislauf-Spende — ist eine Spendekategorie, bei der die Todesfeststellung an den endgültigen Kreislaufstillstand der Spenderin oder des Spenders gebunden ist. Sie steht damit als Alternative zur Spende nach festgestelltem irreversiblem Hirnfunktionsausfall.

International ist Organspende nach Kreislaufstillstand in vielen Ländern etabliert. In Europa praktizieren kontrollierte und unkontrollierte Organspende nach Kreislaufstillstand Spanien, Frankreich, Italien, Niederlande, Belgien, Österreich, Tschechien und die Schweiz; nur kontrollierte Organspende nach Kreislaufstillstand Irland, Norwegen, Schweden und das Vereinigte Königreich. Außerhalb Europas sind die USA, Kanada und Australien etabliert.

Spanien (über die Organización Nacional de Trasplantes) führt das größte unkontrollierte Programm zur Organspende nach Kreislaufstillstand der Welt; Frankreich startete sein Programm der unkontrollierten Organspende nach Kreislaufstillstand 2006. Die Schweiz hat die Praxis der Organspende nach Kreislaufstillstand 2011 wieder eingeführt — die Organspende nach Kreislaufstillstand-Herzspende kam 2023 als reguläre Praxis hinzu und wird derzeit weltweit nur in neun Ländern durchgeführt (Australien, Belgien, Italien, Niederlande, Österreich, Spanien, Schweiz, USA, Vereinigtes Königreich).

In Deutschland ist Organspende nach Kreislaufstillstand nach dem Transplantationsgesetz derzeit ausgeschlossen, da das Gesetz den irreversiblen Hirnfunktionsausfall als Todeskriterium voraussetzt.

Wichtig: Die rechtliche Etablierung von Organspende nach Kreislaufstillstand in einem Land bedeutet nicht, dass damit der sichere Tod im substanzontologischen Sinn zweifelsfrei festgestellt würde. Organspende nach Kreislaufstillstand ist eine klinisch-rechtliche Setzung auf Permanenz-Basis, keine ontologische Identifikation des Todeszeitpunkts mit der Trennung von Leib und geistiger Substanz. Die Praxis der Organspende nach Kreislaufstillstand stützt die Todesfeststellung auf den Begriff der Permanenz: Nach beobachteter Asystolie wird ein no-touch-Zeitraum von mindestens fünf Minuten eingehalten — die Fünf-Minuten-Beobachtung —, in dem keine Wiederbelebungsmaßnahme erfolgt. Die Permanenz (kein Reanimationsversuch mehr) ist eine schwächere Bedingung als die Irreversibilität (anatomisch unmöglich); ob sie für den sicheren Tod hinreicht, ist substanzontologisch nicht trivial und wird im Rahmen des Vorsichtsprinzips beantwortet.

Maastricht-Klassifikation

Die international gültige Maastricht-Klassifikation (1995, in der Pariser Modifikation 2013) unterscheidet fünf Spenderkategorien:

  • Kategorie I — Tot bei Ankunft, kein Reanimationsversuch (unkontrolliert).
  • Kategorie II — Erfolglose Reanimation eines Kreislaufstillstands (unkontrolliert; Spaniens Programm der unkontrollierten Organspende nach Kreislaufstillstand beruht überwiegend auf dieser Kategorie).
  • Kategorie III — Erwarteter Kreislaufstillstand nach geplantem Therapieabbruch auf der Intensivstation oder im Operationssaal (kontrolliert; weltweit häufigster Typ).
  • Kategorie IV — Kreislaufstillstand bei einer Patientin oder einem Patienten mit bereits festgestelltem irreversiblem Hirnfunktionsausfall (kontrolliert).
  • Kategorie V — Unerwarteter Kreislaufstillstand auf der Intensivstation (unkontrolliert; in der Pariser Modifikation 2013 ergänzt).

Ontologische Einordnung

Oberbegriffe: Sachverhalt, Spendekategorie

Ontologische Beziehungen:

Kapitelzuordnung: Kapitel 4: Was ist menschliches Personsein?, Kapitel 5: Personvergessenheit

Substanzontologische Bewertung

Die hier vertretene Ontologie weist die Setzung der Organspende nach Kreislaufstillstand zurück. Die Begründung: Permanenz — die schwächere Bedingung, auf die Organspende nach Kreislaufstillstand die Todesfeststellung stützt — ist substanzontologisch kein hinreichendes Kriterium für den sicheren Tod (= Trennung von Leib und geistiger Substanz, Ende der Prote Energeia). Eine Praxis, die Organe nach permanentem, aber nicht irreversiblem Kreislaufstillstand entnimmt, unterläuft die Voraussetzung der Dead Donor Rule und verletzt damit die Personalistische Norm potentiell.

Die Bewertung lautet „verletzt potentiell” und nicht definitiv — weil die ontologische Frage, ob Permanenz für den sicheren Tod hinreicht, nicht durch empirische Mittel entschieden werden kann. Genau deshalb fordert das Vorsichtsprinzip Benedikts XVI. in dieser Lage strikt die Annahme der schärferen Bedingung: „Wo Gewissheit nicht erreicht ist, muss das Prinzip der Vorsicht vorherrschen.”

Konsequenz für die Organspende nach Kreislaufstillstand-Varianten:

  • Kontrollierte Organspende nach Kreislaufstillstand (Maastricht III) — problematisch unter dem Vorsichtsprinzip, verletzt potentiell DDR und Personalistische Norm.
  • Unkontrollierte Organspende nach Kreislaufstillstand (Maastricht I, II, V) — epistemisch etwas weniger heikel (Reanimation ausgeschöpft), ändert aber nicht die ontologische Frage. Verletzt potentiell DDR und Personalistische Norm.
  • Maastricht-Kategorie IV — erbt zusätzlich das Hirntod-Problem aus der Diskussion zum irreversiblen Hirnfunktionsausfall.
  • NRP — verschärft die Problematik: hebt die Permanenz performativ auf, weil sie die Bedingung der Todesfeststellung (kein zirkulierendes Blut) durch ihre Aktion (zirkulierendes Blut) negiert.
  • Thoracoabdominale NRP (TA-NRP) — verschärfter Spezialfall: die chirurgische Klemmung der Aortenbogengefäße ist kausal todesverursachend, falls die Person nicht definitiv tot ist. Direkte (nicht nur potentielle) Verletzung der DDR und der Personalistischen Norm.

Klinisch findet Organspende nach Kreislaufstillstand typischerweise auf der Intensivstation in der terminalen oder sterbenden Phase statt — nach einer Entscheidung zum Therapieabbruch (WLST, vgl. Sterbephasen). Im Spektrum der Sterbeorte (Hospiz, Krankenhaus, Intensivstation, Zuhause) ist Organspende nach Kreislaufstillstand die ICU-Variante einer Praxis, die das Sterben mit Organgewinnung verbindet — und damit substanzontologisch kritisch.

Asymmetrie paarig / unparig: das Herz als schärfster Punkt

Die Organspende nach Kreislaufstillstand-Problematik ist nicht für alle Organe gleich gelagert. Aus der medizinischen Klassifikation (vgl. Lebendspende) folgt eine ethische Asymmetrie:

OrgantypBeispieleLebendspende möglich?Organspende nach Kreislaufstillstand-Bewertung
PaarigNiere, Lungeja, geringes RisikoOrganspende nach Kreislaufstillstand vermeidbar — Lebendspende ist die unbedenklichere Alternative
TeilbarLeber, Pankreasja, höheres RisikoOrganspende nach Kreislaufstillstand teilweise vermeidbar
Strikt unpaarigHerz, vollst. LeberneinOrganspende nach Kreislaufstillstand strukturell unausweichlich — die Permanenz-Spannung wird maximal

Johannes Paul II. hat diese Differenzierung 2000 vor dem XVIII. Internationalen Kongress der Transplantationsgesellschaft (Rom) lehramtlich ausdrücklich gemacht:

„Vital organs which occur singly in the body can be removed only after death, that is from the body of someone who is certainly dead. This requirement is self-evident, since to act otherwise would mean intentionally to cause the death of the donor in disposing of his organs.”

Daraus folgt für die Organspende nach Kreislaufstillstand-Diskussion: Bei paariger Spende (Niere, Lunge) ist die Lebendspende der ethisch unbedenklichere Weg — nach dem Prinzip der Totalität (Pius XII. 1956) zulässig, ohne DDR-Spannung. Bei strikt unpariger Spende — besonders dem Herzen — ist die Lebendspende strukturell unmöglich. Die ganze ethische Last fällt damit auf die Permanenz-Setzung der postmortalen Spende. Die Spende des Herzens nach Kreislaufstillstand, 2023 in der Schweiz als reguläre Praxis eingeführt und 2025 in den USA mit 24 Prozent der Herzspenden bereits etabliert, ist deshalb der paradigmatisch problematische Fall der gesamten Organspende nach Kreislaufstillstand-Diskussion.

Substanzontologisch: Die Permanenz-Verletzung wirkt schärfer, wo die Praxis alternativlos ist. Die Asymmetrie ist nicht nur deskriptiv, sondern normativ.

Das Vereinigte Königreich pausierte TA-NRP Ende 2020 aus dieser Sorge. Die hier vertretene Position geht weiter: nicht nur TA-NRP, sondern die Setzung der Organspende nach Kreislaufstillstand als ganze ist im substanzontologischen Sinn nicht haltbar, solange Permanenz statt Irreversibilität zur Grundlage der Todesfeststellung gemacht wird.

Internationaler Diskurs

Robert D. Truog (Hastings Center Report 2024) verteidigt die NRP mit dem Argument, dass nach festgestellter Permanenz kein lebendes Subjekt mehr existiere, dem ein Schaden zugefügt werden könne. James L. Bernat und Thaddeus M. Pope halten dem entgegen, dass die Wiederherstellung der Zirkulation exakt jene Bedingung aufhebt, auf der die Todesfeststellung gerade noch beruhte — eine performative Aufhebung des Todes wenige Minuten nach dessen Feststellung.

Die empirische Grundlage der Fünf-Minuten-Regel ist die Studie von Hornby et al. (NEJM 2021, systematisches Review CJA 2023): Der längste dokumentierte Fall einer spontanen Wiederkehr der Herz-Kreislauf-Funktion — der Autoresuszitation — liegt bei 4 Minuten 20 Sekunden. Fünf Minuten reichen damit empirisch hin, um spontane Wiederkehr auszuschließen, ohne die stärkere Frage der Irreversibilität zu beantworten.

Benedikt XVI. formuliert das Vorsichtsprinzip in der Ansprache vor dem Internationalen Kongress für Organspende (Rom, 7. November 2008): Wo bei der Todesfeststellung Gewissheit nicht erreicht ist, muss das Prinzip der Vorsicht vorherrschen. Die Aussage geht zurück auf Pius XII. (1957, Ansprache an Anaesthesisten): Der Tod muss vor der Organentnahme festgestellt sein; die Definition des Todeszeitpunkts ist Sache der Medizin innerhalb der Grenzen der natürlichen Sittlichkeit.

Die Organspende selbst ist nach katholischer Lehre als Zeichen der Liebe und der freien Hingabe legitim und potentiell verdienstvoll — gebunden allein an die Wahrung der Würde der Spenderin oder des Spenders.

Quellenangaben

Maastricht-Klassifikation und Praxis der Organspende nach Kreislaufstillstand

Permanenz, Autoresuszitation, Dead Donor Rule

  • Hornby, Karen; Hornby, Laura; Shemie, Sam D. (2010): A systematic review of autoresuscitation after cardiac arrest. Critical Care Medicine 38(5): 1246—1253.
  • Zorko, David J.; Shemie, Sam D.; Hornby, Laura; et al. (2023): Autoresuscitation after circulatory arrest: an updated systematic review. Canadian Journal of Anesthesia 70(4): 699—712. https://link.springer.com/article/10.1007/s12630-023-02411-8
  • Bernat, James L. (2013): Controversies in defining and determining death in critical care. Nature Reviews Neurology 9(3): 164—173.

Internationale Praxis

  • Lomero, Mar; Gardiner, Dale; Coll, Elisabeth; Haase-Kromwijk, Bernadette; Procaccio, Francesco; Immer, Franz; Gabbasova, Larisa; Antoine, Corinne; Jushinskis, Janis; Lynch, Niamh; Foss, Stein; Bolotinha, Catarina; Ashkenazi, Tamar; Colenbie, Luc; Zuckermann, Andreas; Adamec, Mladen; Czerwinski, Jarosław; Karčiauskaitė, Sondra; Ström, Hans; López-Fraga, Marta; Domínguez-Gil, Beatriz (2020): Donation after circulatory death today: an updated overview of the European landscape. Transplant International 33(1): 76—88. PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31482628/
  • Immer, Franz F. (2015): Organ donation after circulatory death in Switzerland: slow but constant progress. Swiss Medical Weekly 145: w14062. — Schweizer Programm seit Wiedereinführung 2011.
  • Ruiz, Angel (2018): Uncontrolled Organspende nach Kreislaufstillstand: The Spanish Experience. https://criticalcarecanada.com/presentations/2018/uncontrolled_dcd_the_spanish_experience.pdf
  • Antoine, Corinne; Mourey, Frédéric; Prada-Bordenave, Emmanuelle; Steering committee on Organspende nach Kreislaufstillstand program (2014): How France launched its donation after cardiac death program. Annales Françaises d’Anesthésie et de Réanimation 33(2): 138—143. PubMed: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24388490/. — Französisches unkontrollierte Organspende nach Kreislaufstillstand-Maastricht-II-Programm seit 2006.
  • Foss, Stein; Nordheim, Espen; Sørensen, Dag W.; Syversen, Tor B.; Midtvedt, Karsten; Asberg, Anders; et al. (2018): First Scandinavian Protocol for Controlled Donation After Circulatory Death Using Normothermic Regional Perfusion. Transplantation Direct 4(7): e366. — Norwegens kontrollierte Organspende nach Kreislaufstillstand-Pilot.
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  • Global Observatory on Donation and Transplantation (GODT): International Report on Organ Donation and Transplantation Activities, Executive Summary 2023. https://www.transplant-observatory.org/wp-content/uploads/2024/12/2023-data-global-report-17122024.pdf
  • Deutsches Gesundheitsportal (2026-04-17): Organspende nach Herzstillstand: Studie sieht zusätzliches Potenzial für Deutschland. https://www.deutschesgesundheitsportal.de/2026/04/17/organspende-nach-herzstillstand-studie-sieht-zusaetzliches-potenzial-fuer-deutschland/

Katholische Position

NRP-Ethik

Siehe auch

Verbindungen zu verwandten Begriffen


Generiert via Abfrage aus der Personsein-Ontologie.