Boëthius (480—524)
Anicius Manlius Severinus Boëthius ist der Philosoph, der die wirkmächtigste Definition der Person in der abendländischen Philosophiegeschichte formuliert hat. Diese Definition bildet den Ausgangspunkt des substanzontologischen Personbegriffs, den das Buch entfaltet.
Schlüsselbeitrag
Boëthius’ klassische Definition lautet: “Die Person ist ein einmaliges eigenständiges Wesen mit vernünftiger Natur” (naturae rationalis individua substantia, Liber de persona et duabus naturis, c. 3). Diese Kurzformel enthält vier Bestimmungen: (1) individua — einmalig und unwiederholbar; (2) substantia — ein eigenständiges Wesen, kein bloßes Bündel von Eigenschaften; (3) rationalis — mit geistiger, vernunftbegabter Natur; (4) naturae — zu einer bestimmten Wesensart gehörend. Jede dieser vier Bestimmungen ist für den Personbegriff unverzichtbar (vgl. Bexten 2017, S. 115—130).
Zentrale Ideen im Buch
Person ist Substanz, nicht Akzidenz
Boëthius’ entscheidende Einsicht besteht darin, dass die Person nicht im Bereich der hinzutretenden Eigenschaften (Akzidenzien) gesucht werden darf, sondern im Bereich der Substanz. Person ist nicht etwas, das zu einem Wesen hinzukommt — wie eine Fähigkeit oder ein Zustand —, sondern das eigenständige Wesen selbst. Damit stellt Boëthius das Personsein auf ein ontologisches Fundament, das von keiner funktionalistischen Reduktion erschüttert werden kann.
Gegen die Verwechslung von Sein und Tun
Weil Person Substanz ist, kann das Personsein nicht von der aktualen Ausübung bestimmter Fähigkeiten abhängen. Ein Embryo, ein schlafender Mensch, ein Mensch mit Demenz — sie alle sind Personen, weil ihr substanzielles Sein als Jemand nicht an Personverhalten gebunden ist. Diese Einsicht ist die Grundlage für die Kritik am empirisch-funktionalistischen Personbegriff von John Locke, Derek Parfit und Peter Singer.
Person als Würdebegriff
Boëthius’ Definition wurde von Alexander von Hales und Thomas von Aquin weiterentwickelt. Thomas ergänzt, dass die Person “das Vollkommenste in der gesamten Natur” bezeichnet. Alexander macht den Würdecharakter des Personbegriffs explizit. Beide bauen auf Boëthius’ fundamentaler Einsicht auf, dass Person ein Seins- und kein bloßer Funktionsbegriff ist.
Stellung im Buch
Boëthius’ Definition wird im Kapitel Was ist eine Person? ausführlich analysiert und im Kapitel Was ist menschliches Personsein? systematisch entfaltet. Sie dient als Prüfstein, an dem die verschiedenen Personbegriffe gemessen werden: der substanzontologische, der empirisch-funktionalistische und der relationale Personbegriff.
Siehe auch
- Thomas von Aquin
- Alexander von Hales
- Aristoteles
- Robert Spaemann
- Hedwig Conrad-Martius
- Josef Seifert
- Person
- Personsein
- Menschliche Person
- Substanz
- Akzidenz
- Personbegriff
- Substanzontologischer Personbegriff
- Empirisch-funktionalistischer Personbegriff
- Relationaler Personbegriff
- Jemand
- Würde
- Natur
- Vernunft
- Leib-Seele-Einheit
- Erkenntnis
- Einsicht
- Erste Dimension
- Agere sequitur esse
- Personverhalten
- Embryo
- Demenz
- Freiheit
- Form und Stoff
- Akt und Potenz
- Personalistische Norm
- Christliche Philosophie
- Basale Relationen
- Metaphysik
- Kapitel 3: Personbegriff
- Kapitel 4: Personsein